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Rad am Ring 2007
Aktualisiert (Freitag, 12. Juni 2009 um 22:06 Uhr) Sonntag, 05. August 2007 um 16:22 Uhr
Die Welt ist voll von verrückten Menschen. Die einen sind verrückt nach Tokio Hotel, die anderen nach Richard Gere, wieder andere sind so verrückt, dass sie in der Klapsmühle landen. Und dann sind da die Fahrradverrückten. Und zu denen gehöre ich. Und weil sich Menschen immer Gleichgesinnte suchen, handelt dieser Bericht von neun verrückten Rennradfahrern. Aber der Reihe nach.
Den meisten Leuten wird der Nürburgring in der Eifel ein Begriff sein. Die meisten verbinden damit die Formel 1, viele kennen die berühmte Nordschleife. Dass man dort allerdings nicht nur mit schnell Autos fahren kann, wissen dann schon weniger. Einmal im Jahr ist der Nürburgring fest in der Hand der Radfahrer, dann findet dort Rad am Ring statt. Und da ich ja verrückt bin, hab ich mir nach meinem Mallorca-Trip in den Kopf gesetzt, da dieses Jahr auch mitzufahren. Ein paar mal um den Nürburgring hört sich jetzt ja erstmal nicht so spannend an. Allerdings muss man dabei zwei Dinge bedenken: erstens fährt man 24 Stunden um den Ring und zweitens wird die Nordschleife nicht umsonst die "Grüne Hölle" genannt. Allein 24h lang zu fahren, so verrückt bin ich dann doch wieder nicht. Also musste ein Team her. Ich hab meine Dienste mutig im Rennrad-Forum angeboten und tatsächlich hat sich dann jemand gemeldet: Carsten aus...Konstanz. Seines Zeichens (Noch-)Student an der Uni. Er hatte noch sechs weitere Verrückte überredet und so hatten wir zwei Teams am Start. Team 1 mit Carsten, Paul, Simon und Nic, Team 2 mit Bernhard, Max, Yvonne und mir. Und um das ganze organisatorisch zu koordinieren hat sich Marcel als Teamchef angeboten. Das war insofern praktisch, weil er von seinen Eltern eine VW-Transporter, Zelte und Bierzeltgarnituren organisiert hat.
Los ging es bereits am Donnerstag Abend (2. August) mit dem Verladen der Räder. Ein VW-Transporter ist ja nun nicht gerade klein, aber als sieben Fahrräder und Gepäck drin waren, war auch der voll. Am Freitag Mittag ging es dann los. Marcel und Nic sind relativ früh losgefahren, ich bin dann mit Carstens Auto, Paul und Yvonne gegen 14 Uhr aufgebrochen. Den ersten Aha-Effekt hatten wir schon kurz vor Singen, als Stau Richtung Stuttgart gemeldet war. Ortsunkundig wie wir alle sind, haben wir ihn dann sehr weiträumig umfahren. Der nächste Stau hat uns dann aber erwartungsgemäß in Stuttgart erwischt. Leider ging das dann bis hinter Karlsruhe so weiter und erst auf der A61 wurde es dann besser. Aber als wenn Staus nicht genug wären, kam dann die nächste Hiobs-Botschaft: Der Transporter mit Marcel und Nic steht mit kaputtem Keilriemen in Stuttgart und ein passendes Ersatzteil ist erst am Samstag verfügbar. Man bedenke: dort sind die Fahrräder drin! Glück im Unglück war allerdings, dass Nics Eltern in Stuttgart wohnen und einen Mercedes-Kombi haben, in den mit viel geschickt die Fahrräder alle reinpassten. Zelt und Sitzgelegenheiten mussten aber in Stuttgart bleiben. Diese Verzögerung brachte dann das nächste Problem: die Startunterlagen inklusive der Zufahrtsberechtigung auf den Ring und des Stellplatzes gab es nur bis 21 Uhr. Staugeschädigt wie wir waren, wurde das dass ziemlich eng, aber Carstens alter Opel hat uns dann bis 20:58 ans Ziel befördert. Schnell noch die Transponder-Kaution gezahlt (von der wir - und nicht nur wir - überrascht wurden) und dann ging es ab auf die Rennstrecke. Die Teams waren alle an verschiedenen Stellen direkt an der Strecke untergebracht. Als erstes gab es dann was zum Futtern. Wie auf den Bilder zu sehen ist, eignen sich Motorhauben perfekt zum Grillen ;-). Gegen 23:30 Uhr trafen dann auch Marcel und Nic ein. Allerdings durften sie nicht mehr aus die Strecke fahren, sondern mussten das Auto außerhalb abstellen. Da dort Schlafsäcke und Zelte drin waren, mussten wir die per Hand durch die Gegend schleppen. Zum Glück war das Luftbett, dass mir mein Arbeitskollege Peter geliehen hatte, auch dabei und so wurde die kurze Nacht wenigstens nicht ganz so unbequem. Zum Glück war das Wetter trocken, denn ohne Zelt war schlafen an der freien Luft angesagt.
Die Nacht war lau und gegen morgen dann doch etwas kalt. Aber warm würde es und eh noch werden. Erstmal hieß es, die Räder in den Ring zu holen und wieder zusammen zu bauen. Yvonne und ich fuhren dann erstmal einkaufen, denn 24h radfahren macht hungrig und durstig. Auf dem Weg nach Breidscheid bekamen wir dann auch einen ersten Eindruck von der Strecke, denn die war immer mal wieder zwischen den Bäumen zu sehen. Und es ging ganz schön bergab. Gegen 10 Uhr kamen dann auch die drei Nachzügler Max, Bernhard und Simon am Ring an. Schon dachten wir, was kann jetzt noch schief gehen, da krachte es auch schon bei der Einfahrt in den Ring. Zum Glück langsam und Auto gegen Auto, aber der Kühler von Max Passat war dahin und das Auto somit fahruntüchtig. Die Sperrung der Strecke für den Beginn des Rennens näherte sich aber bedrohlich, also schnell mit dem Mercedes raus, Gepäck und die letzten beiden Räder einräumen und wieder rein. Und als wenn das nicht genug des Pechs gewesen wäre mussten wir dann auch auf Yvonne verzichten. Sie hatte seit Freitag schon Verdauungsprobleme und es ging ihr nicht gut. Der "Ring-Arzt" hat ihr dann auch von einem Start abgeraten. Also kamen auf Bernhard, Max und mich ein paar Runden mehr zu. Aber wir sind ja eh verrückt. Der Start kam immer näher, vorher hab ich aber noch ein paar Runden auf der GP-Strecke gedreht. Ist schon ein cooles Gefühl, da zu fahren. Keine Autos, super-breit und keine Schlaglöcher oder andere Unebenheiten.
12:05, gleich geht es los. Paul und ich stehen in der Startaufstellung, zusammen mit 452 anderen Verrückten. Der Start wurde fünf Minuten vorverlegt, weil die Mountain-Biker, die vor uns gestartet sind, schnell unterwegs sind und früher als geplant wieder durch Start-und-Ziel kommen. Pünktlich um 12:10 fällt dann der Startschuss und schon rollt das Feld los. Ich lasse es ein bisschen langsam angehen und einige überholen mich. Aber in dem Gewühle zu fahren ist doch etwas ungewohnt. Und prompt zerlegt es einen Fahrer vor mir im Ausgang des Castrol-S. Er und sein Rad fliegen quer über die Strecke und ich kann mit Mühe ausweichen und lasse fahre noch etwas vorsichtiger. Es liegen ja schließlich noch fast 24h vor uns. Die erste Runde geht zum Teil über die GP-Strecke aber nach 2 km biegen wir dann auch schon auf die Nordschleife ein. Und dann geht es erstmal bergab, knapp 300m bis zur tiefsten Stelle der Strecke in Breidscheid. Allerdings nicht am Stück, sondern immer wieder mit recht Steilen Kuppen dazwischen. Mit genügend Schwung kommt man da fast ganz rüber, meistens muss man aber doch etwas nachtreten. Gerade in der ersten Runde mit den vielen anderen Fahrern neben und vor mir, traue ich mich nicht, voll zu fahren. Zudem kenne ich die Strecke ja auch noch nicht. Und einige Kurven haben es durchaus in sich. Das schönste Stück im ersten Teil ist sicher die "Fuchsröhre". Die schnellsten fahren hier mit knapp 100km/h runter, mein Tacho bleibt aber bei 85 km/h stehen. Mehr geht leider nicht. Aber trotzdem ein irres Gefühl, vor allem, weil es gleich danach wieder steil nach oben geht. Unten in Breidscheid das gleiche Spiel nochmal, super-schnelle Abfahrt, eine Rechtskurve (die man nach der zweiten Runde, wenn man sie kennt, voll fahren kann) und dann steil nach oben. Und dann ist Schluss mit lustig. Jetzt kommt der anstrengende Teil, die ganzen 300 Höhenmeter wieder nach oben. Etwa sechs Kilometer zieht sich dieser Streckeabschnitt dahin. Anstrengend aber mit sehr schöner Landschaft. Wobei eigentlich keiner so richtig Sinn dafür hat. Alle keuchen und schwitzen und die Gänge werden immer weiter hochgeschaltet. In der erste Runde halte ich es noch auf dem drittletzten Ritzel hinten aus, also 30/21. Irgendwann kommt die erste Steilkurve und dann geht es sogar wieder ein wenig bergab. Das war es schon? Nein, weit gefehlt, das berühmteste Stück der Nordschleife fehlt noch, die "Hohe Acht". Hier geht es mit 17%-iger Steigung nochmal knackig nach oben. Ein paar steigen hier ab und schieben. Mit 30/25 komme ich aber ganz gut nach oben. Hat schon was, so ein Rettungsring (auch wenn einige verächtlich "Rentnerblatt" dazu sagen). Oben gibt es eine Verpflegungstelle, die ich aber erstmal ignoriere. Schließlich tickt die Uhr unaufhörlich weiter. Das dritte Teilstück zurück zum Start gefällt mir am Anfang gar nicht. Das geht ziemlich hügelig zu. Immer eine schnelle Abfahrt und dann am Ende wieder steil nach oben, da kommt ein richtiger Fahrfluß zu Stande. Und damit komme ich nicht so richtig zurecht. Zum Glück gibt es dann noch eine 3km lange Gerade, auf der man endlich mal vernünftig fahren kann, in der ersten Runde auch mit vernünftigem Windschatten und ordentlichem Tempo. Allerdings hat es die Gerade auch in sich, sie steigt nämlich zum Ende hin immer weiter an. Dann kommt nochmal eine kleine Abfahrt und der letzte Hügel bis dann die Zielgerade in Sicht kommt. Hier heißt es wieder Vollgas geben, denn sie geht leicht bergab und die Zeitschranke ist in Sichtweite. Noch einmal schnell durchs Castrol-S und dann ist der erste Wechsel angesagt und Bernhard löst mich ab. Was ich etwas wurmt: Paul ist vor mir angekommen. Aber der ist am Berg doch etwas fitter als ich, trotz Heldenkurbel. Naja, muss ich wohl noch etwas üben.
Das Rennen nahm dann seinen Lauf. So lange es hell war, haben wir uns jede Runde abgewechselt und waren platzmäßig auch ganz gut dabei, sind aber langsam aber stetig von 64 auf 109 durchgereicht worden. Als es dunkel wurde, sind wir dann auf Zweierrunden umgestiegen, damit die Pausierenden etwas länger schlafen konnten. Meine Nachrunde war dann um 23:30 an der Reihe. Ich war schon etwas skeptisch, weil es ja stockfinster auf der Strecke war. Aber ich hatte mir vorher noch ein gutes Licht besorgt und vier Runden hatte ich ja schon hinter mir. Und ich muss sagen, die zwei Runden in der Nacht waren die schönsten. Ohne große Hetze, weil man den Tacho eh nicht lesen konnte und mit kurzer Pause auf der Hohen Acht, hat das richtig Spaß gemacht. Vor allem dir Fuchsröhre bei Nacht runter war schon genial. Das THW hatte auch die drei neuralgischen Stellen der Strecke professionell ausgeleuchtet. Um halb zwei war dann erstmal Schlafen angesagt. Am morgen hab ich dann erfahren, dass es wohl ein kleines Organisationsproblem gab, denn als Bernhard seine zwei Runden hinter sich hatte, war von Max weit und breit nichts zu sehen. Also hat er kurzerhand noch eine dritte Runde angehängt, verrückt wie er ist. Das gleiche Schicksal hat mich dann auch ereilt, als ich gegen sieben Uhr in der Morgendämmerung auf meine nächste Runde bin: Am Ende der Runde war - ich hatte Max noch gesagt, dass ich nur eine fahre - war von Bernhard nichts zu sehen, der schlief noch friedlich. Die Runde ging eh schon schlecht los, weil ich blöderweise vergessen hatte, meine Radbrille aufzusetzen. Stattdessen bin ich mit der normalen gefahren und auf den Abfahrten hat es dann entsprechend in die Augen gezogen. War aber doch nicht so schlimm, wie ich es befürchtet hatte. Aber wie gesagt, kein Bernhard in Sicht, nur ein etwas verschlafener Nic, aber mit dann wenigstens meine andere Brille gebracht hat und dann bin ich halt noch eine weitere Runde gefahren. Das wurde dann gegen Ende etwas warm, weil ich die dicke Fleecejacke an hatte, die auf der ersten Runde auch noch dringend notwendig war. Aber auch diese Tortur ging zu Ende. Dann ging es auch schon schwer auf Rennende zu und wir haben zu rechnen angefangen, ob wir noch eine 27. Runde schaffen würden oder nicht. Am Ende war dann aber noch reichlich Luft und Bernhard war kurz nach 12 Uhr unser Finisher.
Unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle unser anderes Team natürlich nicht. Aber obwohl sie zu viert gefahren sind, hatten wir am Ende doch eine ganze Runde mehr auf dem Konto. Jetzt hieß es aber erstmal wieder zusammenpacken. Um 14:30 sollten nämlich schon die Läufer auf den Ring losgelassen werden und bis dahin mussten wir runter sein. Erschwerend kam natürlich hinzu, dass Max Auto nicht mehr fahrtüchtig war und wir das Gepäck also erstmal alles in Carstens Opel unterbringen mussten. Zum Glück nur ein kurzes Stück, denn dank ADAC sind Max, Simon, Yvonne und sein Auto per LKW nach Konstanz befördert worden. Die Heimfahrt war auch deutlich angenehmer, weil wir staufrei durchfahren konnten. Gegen 21:30 Uhr waren wir dann schließlich zurück in Konstanz. In meinem Fall mir 212km und 4500 Höhenmeter mehr auf dem Konto. Ist das nicht verrückt?
Einige Bilder auf dieser Seite sind von Bernhard zur Verfügung gestellt worden, herzlichen Dank dafür!


