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Taipeh 2006

Aktualisiert (Freitag, 12. Juni 2009 um 21:47 Uhr) Dienstag, 17. Oktober 2006 um 23:43 Uhr

Anfang Oktober 2006 war mal wieder eine Konferenzreise angesagt, dieses mal nach Taipeh in Taiwan. Das war bis dato meine weiteste Dienstreise, alle anderen hatten sich innerhalb Europas abgespielt. Und wie schon so oft hab ich die Gelegenheit natürlich beim Schopf gepackt und zwei Tage hinten angehängt. Als netter Nebeneffekt für die Uni war der Flug dann auch noch 100 Euro billiger.

Taiwan kennen die meisten wohl nur wegen der vielen Computersachen, die dort herkommen, und der Streitereien mit der Volksrepublik. Allerdings hat das Land weit mehr zu bieten und eine durchaus bewegte Geschichte hinter sich. Taiwan nennt sich selber z.B. Republic of China (R.O.C), also Chinesische Republik. Als die Kommunisten 1949 die Macht in China an sich rissen, flüchtete die damalige Nationalregierung nach Taiwan. Seitdem sind beide Seiten der Meinung, sie seien die offizielle Vertretung Chinas. Was vielen auch nicht wissen, Taiwan ist nicht überall auf der Welt als eigenständiger Staat anerkannt. Deutschland z.B. unterhält keine diplomatischen Kontakte zu Taiwan!
Wichtige Namen im Zusammenhang mit Taiwan sind Dr. Sun Yat-Sen, sowas wie der geistige Vater der Republik, und Chiang Kai-Scheck, der erste Präsident nach der Flucht aus China. Beide sind heute so eine Art Nationalhelden und man hat ihnen riesige Gedächtnishallen gewidmet. Die erste in der Fotoserie Sun Yat-Sen, die zweite (mit den blauen Dächern) Chiang Kai-Scheck.

Taipeh selber hat etwa 2,7 Millionen Einwohner, und ist damit die größte Stadt der Insel. Der Flughafen ist relativ weit außerhalb, mit dem Bus fährt man je nach Verkehr knapp eine Stunde aus der Innenstadt. Äußerst positiv hervorzuheben ist, dass alle Straßen, Haltestellen und sonst irgendwie wichtigen Sachen auch auf Englisch angeschrieben sind. Erstaunlich viele Taiwanesen könne auch zumindest rudimentär englisch. Das merkt insbesondere weil sie ausgesprochen freundlich und hilfsbereit sind. Wenn man als offensichtlicher Touri im Bus mehr als eine Minute auf den Stadtplan starrt, wird man sofort gefragt, wo man hin will. Apropos Bus: Die Beförderung in Taipeh ist spottbillig. Bus fahren kostet 15 TWD, was in etwa 37 Cent entspricht. Zwar muss man pro Bus zahlen, also nach jedem Umsteigen neu, aber mit maximal zweimal umsteigen kommt man praktisch überall hin. Fahrplan gibt es übrigens keinen, die Busse fahren, wenn sie fahren. So kann es vorkommen, dass zweimal die gleiche Linie hintereinander an der Haltestelle steht und dann 20 Minuten lang keiner mehr kommt. Die U-Bahn kostet je nach Strecke zwischen 20 und 40 TWD, also 50 Cent bis 1€. Ist übrigens gute deutsche Technik von Siemens und fährt wohl - im Gegensatz zu Nürnberg - schon seit Jahren führerlos. Ähnlich günstig ist auch das Essen. Für maximal 10 Euro isst man sich abends gut satt. Besonders Sushi kostet nur einen Bruchteil dessen, was man in Deutschland löhnen muss.

Wer nach Taiwan will, muss sich zuerst auf gute 13 Stunden Flugzeit einstellen. Je nach Strecke sieht man dafür aber auch den Himalaja und Tibet von oben. Das war insofern beeindruckend, also dort nachts eine ganze Reihe von Feuern zu sehen waren, selbst aus dem Flugzeug. Zeitlich ist Taiwan der mitteleuropäischen Sommerzeit zwar nur 6 Stunden voraus, allerdings stimmt die Zeitzone nicht mit der geographischen Position überein. Früh um sechs scheint schon die Sonne und abends um sechs ist es stockfinster. Den ersten Aha-Effekt hatte ich aber schon gleich in Deutschland, als ich Freitag früh um halb neun in Stuttgart am Bahnhof stand und der ICE nach Frankfurt streikbedingt gleich mal 40 Minuten Verspätung hatte. Zum Glück hab ich aber viel Puffer eingeplant, so dass das kein Problem war. Im Gegenteil, die Abfertigung in Frankfurt war die schnellste, die ich je erlebt habe. Vom Betreten des Terminals bis zum Abflugsgate hats keine 20 Minuten gedauert. Marc, ein Kollege aus Erlangen, hatte da mehr Pech, der hat sich von seinem Vater nach Frankfurt fahren lassen, weil in Nürnberg gar nichts mehr ging. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Hong-Kong kam ich dann gegen 10 Uhr am Samstag früh in Taipeh an. Sobald ich den Flughafen verlassen hatte, hat mich zuerst mal der Schlag getroffen: von 10 Grad und Regen in Konstanz auf 27 Grad und 80% Luftfeuchtigkeit in Taipeh ist doch eine heftige Umstellung. Der Samstag an sich war denn relativ ereignislos, weil ich ziemlich fertig war, im Flugzeug konnte ich nicht vernünftig schlafen und nach 24 Stunden ohne ist dann schon mal die Luft raus.

Von Sonntag bis Mittwoch ging dann die Konferenz, ich hatte meinen Vortrag am Montag früh, also genug Zeit, sich einigermaßen an die Zeitumstellung zu gewöhnen. Hat auch erstaunlich gut geklappt, ich hatte auf Grund meiner San-Francisco-Erfahrung schlimmeres befürchtet. Eine Überraschung gabs auch, ich hab Marco Ortollani getroffen, einem Italiener, der auch bei Tripos in San Francisco gearbeitet hat. Die Konferenz an sich war mäßig interessant, die Qualität der Vorträge eher auf der mauen Seite - ein Japaner hatte nicht mal Folien dabei und hat stattdessen aus dem Artikel selber vorgelesen -, und die Anwesenheitsrate lag bei geschätzten 70%. Erwähnenswert war das Konferenz-Dinner, das mit Abstand das spektakulärste war, das ich bis dahin erlebt hatte. Das Essen war zwar eher nicht so mein Geschmack und trotz 10 Gängen nicht sehr sättigend, die Show, die uns geboten wurden, dafür einfach genial. Neben einer Paukentruppe und einer Aboriginee-Sängerin gab es eine Tänzergruppe und taiwanesischen Jugendrap!

Mittwoch Abend und Donnerstag haben Marc und ich dann Sightseeing gemacht. Neben den beiden oben schon erwähnten Gedächtnishallen, war ein Ziel Taipei 101, das mit 509m höchste Gebäude der Welt. Die Nachtaufnahmen von Taipei stammen von der Besuchsetage, die über den schnellten Aufzug der Welt erreichbar ist (1010m/min = 60,6km/h!). Nebenbei sei erwähnt, das Taiwan ein Erdbebengebiet ist, der Bau also durchaus sehr ambitioniert gewesen sein muss. Das mit dem Erdbeben haben wir sogar selber mitbekommen, in der Nacht von Donnerstag auf Samstag hat 15 Sekunden lang das Bett gewackelt und geknarzt. Marc hatte ja zuerst Wind vermutet, aber dafür war das zu wacklig. Es war aber tatsächlich ein Erdbeben, 150 km süd-östlich von Taipeh im Meer.

Freitag hab ich mich dann im Yangminshang National Park nördlich von Taipeh vergnügt. Da kann man recht bequem mit dem Bus hinschippern. Interessant an den taiwanesischen Wanderwegen - zumindest in Yangminshang - sind die Stufen, die es überall gibt. Keine normalen Wanderwege, bei denen es einfach bergauf geht. Immer nur Treppen. Da gewinnt man zwar schneller Höhe, aber es ist tierisch anstrengend 600m Treppen nach oben zu gehen. Und das bei der Luftfeuchtigkeit. Mein Hemd war wirklich klatschnass. Dummerweise kam ich dann auf halbem Weg an die Wolkengrenze und es wurde recht neblig. Dafür aber auch etwas kühler. Eigentlich hätte ich gerne eine der heißen Quellen, die es dort gibt gesehen, aber irgendwie hab ich keine gefunden. Dafür hats immer mal wieder ziemlich nach Schwefel gestunken. Sind wie gesagt alte Vulkane.

Am Samstag hatten Marc und ich dann noch fast den ganzen Tag Zeit, weil die Flüge erst am Abend gingen. Nachdem mein Reiseführer das National Palace Museum als unbedingtes Muss für jeden Taiwanreisenden angeführt hat, haben wie demselbigen auch noch einen Besuch abgestattet. Drinnen durfte man leider nicht fotografieren. Zu sehen gab es aber auch "nur" viel altes Geschirr, Schmuck und ein paar Bücher. War nach meinem Geschmack jetzt nicht so der Brüller. Am Abend ging es dann zurück nach Good Old Germany. Sonntag früh um 6 Uhr war ich dann auch in Frankfurt und nach einer Bummelzugfahrt durch den Schwarzwald um halb eins auch wieder in Konstanz.